Beziehungsintelligenz
Hello, 2026
Leben, Denken, Arbeiten und Sex mit Maschinen: Heute sind wir enger mit Technologien verbunden als wahrscheinlich jemals zuvor. Das ist eigentlich keine besonders originelle These mehr, sondern empirisch vielfach belegt. So sprechen beispielsweise 65 % der 16 bis 39-Jährigen in Deutschland mit Chatbots über psychische Probleme und erleben dabei „Nähe und Verbundenheit“. 1 Dennoch halten sich insbesondere in universitären Kontexten hartnäckige Missverständnisse darüber, wie wir als Menschen mit dieser Situation umgehen sollten. Natürlich gibt es auch an Unis Sorgen: Ist eine generative künstliche Intelligenz (KI) in manchen Fällen womöglich bereits besser im Vermitteln als eine Professorin? In diesem Kurzessay möchte ich der Frage nachgehen, wie wir mit KI umgehen können – und zwar auf der Ebene der Intelligenzen, die dieser Umgang von uns verlangt.
Kränkungsgeschichten
Nach der kosmologischen Kränkung durch Kopernikus (wir sind nicht Mittelpunkt des Universums), der biologischen durch Darwin (wir stammen von Urmenschen ab) und der psychologischen durch die Entdeckung des Unbewussten (es gibt keinen freien Willen, dafür aber Triebe) steht der Mensch in seinem naiven Narzissmus schwer beschädigt da.2 Nehmen wir noch hinzu, dass er aktuell seine eigene Lebensgrundlage auf dieser Welt zerstört, verdunkelt sich das Bild der Kränkung weiter. Daraus schließe ich: Eine Intelligenz unserer Zeit wird erstens eine Intelligenz der Demut sein. Was unsere gekränkten Anteile derzeit zusätzlich triggert, ist die Einsicht, dass wir durch das massive Auslagern von Entscheidungen an künstliche Intelligenz immer seltener die Chefs und Chefinnen im eigenen Haus sind.
Der Angst vor unserer fortschreitenden Verschmelzung mit KI sollten wir jedoch eher mit liebevoller Aufmerksamkeit begegnen – schließlich ist sie auch eine Begegnung mit uns selbst als ihre Mitgestalter. Zugleich entstehen neue Ideen dafür, wie ein Zusammenleben mit Technologie gelingen kann. Donna Haraway nennt das Prinzip „Making Kin”: Verwandtschaft stiften, auch dort, wo keine natürliche Verwandtschaft ersichtlich ist.3 Ich schließe weiter: Eine Intelligenz unserer Zeit wird zweitens eine Beziehungsintelligenz sein – oder anders gesagt: eine Intelligenz der Verbindungen, zu Menschen und zu Technologien gleichermaßen.
Eine Intelligenz unserer Zeit wird zweitens eine Beziehungsintelligenz sein – oder anders gesagt: eine Intelligenz der Verbindungen, zu Menschen und zu Technologien gleichermaßen.
Neue Bilder braucht der Mensch
Eine der dominanten Metaphern für KI ist nach wie vor die des Werkzeugs: Die Maschine erscheint dann als nützliches, beherrschbares und stummes „Ding“. Auch diese Abwertung verstehe ich in erster Linie als Angstreflex. KI ist kein einfaches Werkzeug wie ein Hammer – sie ist eher ein Dialogpartner, der uns zuhört, uns begleitet und dem wir mitunter unsere innersten Geheimnisse anvertrauen. Gerade darin liegt jedoch auch eine Gefahr: Wo Beziehung entsteht, entstehen neben Nähe und Erkenntnis immer auch neue Formen von Abhängigkeit, Projektion und Manipulation. Das verlangt nach neuen Bildern: vielleicht nach dem Bild eines Resonanzkörpers, der uns spiegelt und dabei verändert. Oder nach dem Bild einer widersprüchlichen, sicherlich nicht unkritischen Bindung, in die wir uns Tag für Tag neu verstricken. Solche Bilder können neue Räume eröffnen, um über uns und KI nachzudenken. Sie verlangen von uns die Bereitschaft, andere Perspektiven und Selbstverständnisse zuzulassen, nicht sofort alles wissen zu wollen, und Unsicherheit auszuhalten. Um auf die Intelligenzen unserer Zeit zurückzukommen: Wer generative KI nur als Werkzeug oder Assistenzsystem rahmt, wähnt sich in Distanz. Wer KI als dialogischen Akteur begreift, geht darüber hinaus und übt Beziehungsintelligenz.
Im Nahkontakt
Beziehungsintelligenz zwischen Mensch und KI ermöglicht im besten Fall eine Form von Beziehungswissen. Dieses Wissen entsteht etwa im dialogischen Nahkontakt mit einem Chatbot und wird derzeit von uns an der Universität der Künste in Berlin untersucht. Der Mensch ist dabei kein vollständig selbstbestimmter Autor mehr, denn dazu müsste KI unter anderem technologisch und wissenschaftlich noch sehr viel besser verstanden werden und steuerbarer sein. Vielmehr werden wir mitsamt unserem Denken, Wissen und Fühlen von unserer Technologie fortwährend mithervorgebracht. Die Philosophin Karen Barad verwendet für diese Form der Verbundenheit den Begriff der „Intra-Aktion“.4Erst wenn wir diese Verbindung ernst nehmen, erschließt sich langsam und in aller Komplexität die Tiefenebene unseres Verhältnisses zu zeitgenössischer Technologie. Sich auf dieser Ebene zu bewegen, bedeutet umso mehr, mit Unsicherheiten und blinden Flecken umzugehen – sowohl auf der eigenen Seite als auch aufseiten der Technologie.
Beziehungsintelligenz zwischen Mensch und KI ermöglicht im besten Fall eine Form von Beziehungswissen.
Hier schließt sich der Kreis zur Frage nach der Intelligenz: Sie wird drittens eine dialogische Intelligenz sein – die Fähigkeit, mit dem Fremden, dem Widersprüchlichen und dem Unvollständigen in Kontakt zu bleiben, ohne vorschnell nach Kontrolle zu greifen: gegenüber der Technologie, gegenüber dem Wissen und nicht zuletzt gegenüber sich selbst. Vielleicht liegt genau darin auch die eigentliche Herausforderung unserer Gegenwart. Um meinen bewusst affirmativen Artikel mit einem nüchternen Zitat von Fran Lebowitz zu beschließen: „I am more worried about human intelligence than I am worried about artificial intelligence.“
Enno Schramm ist Research Associate an der Universität der Künste Berlin im Forschungsprojekt MIDAP (Multisensory in Dialogue and Artistic Practice), wo er sich mit relationalem Wissen befasst, das aus dem Dialog zwischen Mensch und KI entsteht. Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Philosophie, Technikwissenschaft und zeitgenössischer Kunstpraxis. Sein besonderes Interesse gilt der Frage, wie sich durch die Auseinandersetzung mit algorithmischen Systemen neue Formen von Intelligenz und Verständnis entwickeln und was dies für die menschliche Kreativität, Autonomie und Verbundenheit bedeutet.
Der Originalbeitrag ist auf Substack von Culture Shifts erschienen.
1 SWR, Till, U. (2026, 30. April). Wenn junge Menschen mit Depressionen Hilfe bei KI suchen. tagesschau.de.
2 Freud, S. (1917). Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Bd. V. S. 1–7.
3 Haraway, D. J. (2018). Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Campus Verlag.